Das obige Zitat ist der vorletzte Satz, den Hannah Arendt im Oktober 1964 in einem bekannten Fernsehinterview mit Günter Gaus sagt. Es ist damit Teil einer Antwort auf die Frage, worin für sie das „Wagnis der Öffentlichkeit“ besteht. Neben der offensichtlichen Tatsache, dass man sich im Sprechen und Handeln als Person im Lichte der Öffentlichkeit exponiere, betont Arendt noch einen zweites Wagnis der Öffentlichkeit: „Wir fangen etwas an; wir schlagen unseren Faden in ein Netz der Beziehungen. Was daraus wird, wissen wir nie.“ Arendt knüpft damit an einige grundsätzliche Überlegungen zum Handeln an.

Handeln ist für Arendt immer ein öffentliches Tun. Öffentlich bedeutet vor allem auch gemeinsam mit anderen Menschen. Menschen sind für Arendt nur als Pluralität denkbar, als verschiedene Menschen. „Gott hat den Menschen geschaffen, die Menschen sind ein menschliches, irdisches Produkt, das Produkt der menschlichen Natur.“, heißt es an anderer Stelle. Arendt interessiert sich für die Menschen. Wenn sie  zusammen kommen, entsteht zwischen ihnen etwas. Dieses Etwas bezeichnet Arendt als Freiheit oder auch als Politik. Dieser Raum des Zwischen bleibt aber unbestimmt, da er sich eben nur im Handeln und Zusammenkommen der Menschen ergibt. Würde er bestimmt werden, wäre Freiheit nicht möglich. Nur indem es offen bleibt und weder durch vom Menschen noch von dem gegebenen Material abhängig ist, bildet sich im gemeinsamen Handeln Freiheit.

Nun mag es sein, dass wir ja schon gegebene gesellschaftliche Strukturen haben, die dieses Handeln bestimmen. Diesem Gedanken hält Arendt das Anfangen entgegen. „Wir fangen etwas an, wir schlagen unseren Faden in ein Netz der Beziehungen.“ Im Handeln, auch im Sprechen beginnen wir immer auch etwas Neues, wir fangen vielleicht nicht von neuem an, aber wir verändern die Situation. Ein Gedanke, den wir aussprechen, kann etwas lostreten. Ein Wort bewirkt vielleicht nicht sofort etwas, aber kann etwas in Gang setzen, das größer ist, als wir selbst und weiter reicht, als unser eigenes Leben. Mit dem Handeln – und Sprechen ist Handeln – weben wir somit mit, an einem gemeinsamen Netz, das, solange es handelnde Menschen gibt, nicht festgestellt werden kann, weil mit jedem Menschen ein neuer Anfang hinzu tritt.

Dieses Handeln nennt Arendt ein Wagnis, ein Wagnis, das „nur möglich ist, im Vertrauen auf die Menschen. Das heißt, in einem […] Vertrauen in das Menschliche aller Menschen.“ Das Menschliche ist für Arendt jenes „Zusammen- und Miteinandersein der Verschiedenen“, also jenes Neue, das zwischen den Mensch entsteht und durch das Handeln immer wieder neu bestimmt wird. Nur im Vertrauern auf das Menschliche ist aber auch Handeln möglich. „Anders könnte man es nicht.“, so schließt Arendt das Gespräch.

Henrike Lerch (HVD Bergisches LAnd)

Das Fernsehgespräch findet sich im Sammelband: Hannah Arendt „Ich will verstehen. Selbstauskünfte zu Leben und Werk.“